Mittwoch, 26. September 2007
Reiseblog - 1.1.07 novi godam – Happy New year
Eigentlich hatte ich geplant, zu Silvester allein durch die Stadt zu ziehen und zu schauen, was sich so tut. Ich hatte mir eigens ein Zimmer im Hotel Aist genommen, um nicht in der Nacht zu Andreys Wohnung am Stadtrand zurückkehren zu müssen. Das öffentliche Neujahrsfest ist sichtlich für die
Reichen und Superreichen gedacht. Im Plazma, dem Club, in dem Andreys Freund Max den Host gibt, kostet der Eintritt an Silvester nicht wie sonst 25 Rubel sondern 250 Rubel. Das entspricht nach Kaufkraft 250 Euro. Das Plazma ist einer der Orte an denen man vergisst, dass man in
Pridnestrowien ist. Der Club und seine Gäste könnten genauso gut in Wladiwostok, Warschau oder Wien sein. Jung, selbstverliebt, Dolce und Gabbana Fake-Shirts tragend, Bikinitänzerinnen auf der Bühne beobachtend. Der Barmann flambiert Cocktails, sodass die halbe Bar brennt, die Kids trinken den teuersten einheimischen Vodka und tanzen zu Eurotrash-Dance.

Doch mein Silvester wurde familiärer. Andrey ließ sich dafür von seinem Freund Vovan einladen und nahm mich mit. Ich hatte Vovan schon bei meinem ersten Besuch vor anderthalb Jahren kennen gelernt. Ein netter, ruhiger junger Mann, der gutes Deutsch spricht und den Andrey als seinen besten und innigsten Freund bezeichnet. Nach Beendigung seines Deutschstudiums wurde Vovan im Sommer zum Militärdienst eingezogen. Anders als die meisten Pridnestrowier wurde er nicht in die Armee berufen, sondern als Unteroffizier zum Staatssicherheitsdienst MGB, vormals KGB. Jener Geheimdienst, der ganz ungeheim schon im Vorfeld unserer Besuche bei Andrey anrief und fragte, wann denn die Österreicher wieder kämen und was wir hier zu tun gedachten. Zwei Jahre dauert dieser Dienst.

Ich brachte Vodka und Krimsekt mit und wurde von Vovan, seiner Freundin Aliessa, seiner 30jährigen Schwester Jelena, ihrem Gatten Dima und deren achtjährigen Sohn Slawa herzlich begrüßt. Der Fernseher brachte einen alten russichen Novi-God (Neujahrs-)Klassiker, einen Film über einen Mann aus Moskau, der mit seiner zukünftigen Ehefrau Novi God feiern soll, zuvor noch mit seinen Freunden in der Sauna Vodka trinkt, und anschließend in einer fremden Wohnung einer fremden Frau in Leningrad aufwacht. Sichtlich ziemlich lustig. In Vovans Wohnzimmer blinkten bunte Lichter am mageren Christbaum. Die Russen feiern nicht wie wir Weihnachten am 24. sondern zusammen mit Silvester am 31. Irgendwann am späteren Abend sang Jelena, die zufälligerweise Deutschlehrerin ist, O Tannenbaum. (Es gibt kein Entkommen). Der Tisch bog sich unter den Speisen, es gab drei verschiedene Majonaise-Salate, Majonaise-Eier, geriebenen Käse mit Butter, Salami, geräuchertes Schweinefleisch, geräuchertes Hühnerfleisch, geräucherter Fisch, scharfe Karotten, noch mehr Käse, Topfenbällchen mit Knoblauch, noch mehr Fisch. Später dann noch eine Hauptspeise, noch später Kuchen und Früchte in Schlagobers. Dazu Sekt, Vodka, Wasser und Kompott zum trinken.

Vovans Schwager Dima und ich waren die einzigen, die sich mit Vodka zuprosteten, nach einer Weile meinte er, dass er stolz auf mich wäre. Ein Kollege hatte mal einen Franzosen zu Gast, der immer nur einen ganz kleinen Schluck auf Höflichkeit trank. Ein Klassiker. In Pridnestrowien
ist man erst ein Mann, wenn Vodka trinkt. Vodka und fettes Essen. Fettes Essen und Vodka.

Wir feierten drei mal Neujahr. Zuerst nach Moskauzeit, dann Tiraspolzeit und zuletzt Wienzeit. Als Moskau den Jahreswechsel vollzog, lauschten alle anwesenden gespannt der Novi God-Rede von Russlands Präsident Wladimir Putin. Eine Stunde später ignorierten die Anwesenden die Rede des pridnestrowischen Präsidenten Smirnow. Das zeigt uns ungefähr, wohin zumindest diese Familie blickt.

Es war ein lustiger Abend, Jelena freute sich über die Gelegenheit, ihr rostiges Deutsch zu verwenden und entschuldigte sich mindestens hundertmal für ihre schlechten Sprachkenntnisse. Gelegentlich vermischte sie die Sprachen und plauderte mit mir in Russisch, worauf alle lachten und noch mehr lachten, wenn ich sie trotzdem verstanden hatte. Nach einem gemeinsamen Spaziergang durch die Stadt und zur Dnester verließ ich die Familie so gegen vier und ging ins Hotel schlafen.

Als ich zu Mittag in Andreys Wohnung zurückkam, völlig übersäuert von Essen und trinken, kam Andreys Vater Nikolai zu mir und wünschte Frohes Neues Jahr, stellte Vodka vor mich hin und zwang mich, faschierte Leibchen und Rote-Rüben-Fisch-Majonaise-Salat mit ihm zu essen. Gebt mir bitte einen Kübel.

Mehr dazu unter http://www.fischka.com

... comment